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Digitales Nomadentum mit Kindern – geht das überhaupt?

Digitales Nomadentum mit Kindern

Digitales Nomadentum mit Kindern

Digitales Nomadentum mit Kindern – geht das überhaupt?

Als Martin und ich so mit unseren Backpacks auf dem Rücken geschnallt durch die irische Landschaft gewandert sind, haben wir uns darüber unterhalten, was unserer Meinung nach das digitale Nomadenleben und all die schönen Pläne zum Reisen und ortsunabhängigen Arbeiten ordentlich durcheinander bringen könnte. Für viele Einschläge kann man ja vorsorgen und sie sind im besten Fall auch eher kurzfristig. Ich denke hier an Krankheiten oder auch mal eine Durststrecke was Jobs angeht. Ein sehr viel größerer und definitiv langfristiger Einschnitt im Leben ist es aber, wenn sich Nachwuchs einstellt.  Mit Blick auf Martins eigenes Expat-Leben als Teilzeit-Papa haben wir uns gefragt: Mit Kindern als digitaler Nomade leben – geht das eigentlich? Was braucht das Digitales Nomadentum mit Kindern um zu funktionieren?

Kleinkinder auf Reisen

Jeder, der schon einmal mit Baby oder Kleinkind gereist ist, weiß, dass mit der nötigen Gelassenheit eigentlich nichts ein Problem ist. Kleine Kinder sind deutlich einfacher als man denkt, letztendlich brauchen sie während des ersten Lebensjahres grundsätzlich ja nur Essen, Schlaf, eine saubere Windel und ganz viel Liebe. Nicht aus den Augen sollte man allerdings verlieren, dass für Babys und Kleinkinder gesundheitliche Belastungen eine viel größere Rolle spielen können, als für uns Erwachsene. Außer Frage stehen daher Reisen in Malariagebiete, Gebiete mit hoher Umweltbelastung und Gebiete mit schlimmen wasserübertragenen Krankheiten (Cholera oder sowas).

Dass man mit Kindern nicht in Kriegsgebiete reist, steht hoffentlich für jeden außer Frage. Auch beim Reisen mit Kind gilt natürlich „vorbeugen ist besser als nach hinten fallen“. Wichtig ist ein angemessener Reisekrankenversicherungsschutz daher auch für die Kleinen, ebenso wie alle Impfungen zur richtigen Zeit. Wenn man gut vorsorgt, dazu gehört auch die vorab Recherche zu Ärzten und Krankenhäusern vor Ort (dafür mal per E-mail bei der zuständigen deutschen Botschaft nach der Ärzteliste fragen) und sich seine Ziele mit einem vernünftigen Blick auf die dort vorherrschenden Bedingungen aussucht, dann sollte gesundheitlich alles in geordneten Bahnen verlaufen.

Verschiedene Urlaubsarten mit Kindern

Beim digitalen Nomadentum gibt es natürlich sehr viele verschiedene  und komplett individuelle Reise-Modi. Mit kleinen Kindern wird extremes Backpacking von einem Ort zum nächsten aber vermutlich schnell zur absoluten Belastung für Nerven, Rücken und Gelassenheit aller Beteiligten – vergesst also das Touristentempo und geht alles schön langsam an. Sucht euch besser interessante Home-Bases, von denen aus man viele umliegende Ziele in angemessener Zeit erreichen kann. Bei allem Kinder- und Reiseglück darf die Möglichkeit, in Ruhe zu arbeiten auch nicht zu kurz kommen – und das wird sie ohnehin schon durch den kleinen Menschen, der plötzlich mit von der Partie ist. Sarah und David vom Blog The Luxpats stellen euch dort ihren „Landing Plan“ für die ersten Tage im neuen Nomadenheim vor und ich finde, ihr Ansatz wirkt sehr geordnet und überzeugend.

Die Home Base und gute Vorbereitung

Eure Home-Base sollte am besten nicht in absoluter Isolation liegen, denn Kinder brauchen andere Kinder, um soziale Bindungen aufzubauen und in ihrer eigenen Peer-Group zu sein.  Eine gute Möglichkeit zum Verabreden mit anderen reisenden Familien, zum Austausch von Informationen und zum Arrangieren von Playdates am Strand findet man in sozialen Netzwerken. Der Blog Digital Nomad with Kids empfiehlt die folgenden Facebook-Gruppen besonders:

Nutzt das Schöne am digitalen Nomadentum, nämlich die damit verbundene Flexibilität, beim Vernetzen mit anderen Familien! Sucht euch Ziele mit Anschluss aus, nutzt es, wenn ihr wisst, dass andere Familien zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein werden und sorgt dafür, dass eure Aufenthalte sich überschneiden und eure Kinder mit Gleichaltrigen in Verbindung kommen. Dies kann für die Kleinen eine unglaublich spannende und prägende Zeit sein!

Digitales Nomadentum und die Sozialisation der Kinder

A propos Sozialisation: Scheut euch nicht, vor Ort lokale Kindergärten in Augenschein zu nehmen und eure Kinder dort zu integrieren. Selbst wenn es nur für wenige Monate ist, ihr werdet sehen, wie euer Kind aufblüht und wie schnell es jeden Tag immer wieder neue Dinge lernt. Martins Tochter war ein knappes Jahr in einem nepalesischen Kindergarten, momentan ist sie in einem Schweizer Kindergarten in Italien, den sie absolut liebt. Auch wenn viele Dinge vielleicht anders sind als in Deutschland, so ist der wichtigste Aspekt doch, dass Kinder mit ihresgleichen zusammenkommen und Spaß haben. (Manche Dinge sind übrigens gar nicht so viel anders. Z. B. muss man auch bei Elternabenden in Nepal viel zu lange auf viel zu kleinen Stühlen sitzen 😉 )Außerdem kommt ihr dadurch in Kontakt mit den Locals, denn Kinder sind unschlagbare Türöffner in Gesellschaften, die euch sonst eventuell verschlossen bleiben.

Und nach dem Kindergarten? Wie soll es mit dem Nomadentum weitergehen, wenn das Kind in die Schule kommt? Tja, das ist eine nicht wirklich einfach zu beantwortende Frage. Während wir eigentlich immer sehr dafür plädieren, Dinge spontan und aus dem Bauch heraus zu entscheiden, so empfiehlt sich in dieser Frage doch eine gewisse Weitsicht. Wir würden persönlich niemandem empfehlen, sich auf den Nomadenpfad zu begeben, wenn das Kind gerade in das schulpflichtige Alter kommt und würden eher dazu raten, ein paar Jahre damit zu warten, bis euer Nachwuchs zumindest ordentlich lesen, schreiben und rechnen kann.

Wobei natürlich ein Wechsel aus dem deutschen Schulsystem in ein anderes immer schwieriger wird, je später er stattfindet. Aber seien wir ehrlich, die Idee, ein Nomadenleben zu führen und sein Kind jedes halbe Jahr in einer anderen Schule unterzubringen, ist eh illusorisch und wenig praktikabel. Zum Glück gibt es hier Alternativen, man muss sich dafür aber mit für uns Deutschen unkonventionellen Ideen anfreunden und auseinandersetzen. Dabei kann man sich schon mal auf viel Gegenwind aus dem eigenen Umfeld in Deutschland gefasst machen, denn die Idee, dass Bildung auch außerhalb einer traditionellen Schule vermittelt werden kann, hat sich dort noch nicht unbedingt durchgesetzt.

Digitales Nomadentum mit Kindern und Homeschooling

Ein Modell ist das klassische Homeschooling, also der Unterricht zuhause, in der Regel durch die Eltern. Homeschooling ist in Deutschland nicht erlaubt, weshalb Material und Anbieter begrenzt sind, aber zum Glück gibt es ja deutschsprachige Nachbarländer, die da ein bisschen mehr mit der Zeit gehen. Alternativ könnte man natürlich auch das Homeschooling auf Englisch durchführen, da gibt tonnenweise Anbieter. Solltet ihr selbst Englisch nicht auf muttersprachlichem Niveau sprechen, würden wir davon jedoch abraten.

Der Verein Bildung zu Hause Schweiz bietet Ansätze und Unterrichtsmaterialien für Homeschooler. Die deutsche Website https://www.hausunterricht.org/ bietet ebenfalls einen guten Überblick, erscheint uns aber sehr konservativ-christlich angehaucht, daher bitte mit entsprechender Skepsis lesen.

Am einfachsten ist Homeschooling sicher noch während der Grundschule. Das Bundesverwaltungsamt – Zentralstelle für Auslandsschulwesen empfiehlt dafür die Deutsche Fernschule , welche Unterricht in Deutsch, Mathematik, Sachkunde, Englisch und Kunst anbietet. Angeboten werden auch Tests und Zeugnisse, die wiederum in Deutschland anerkannt werden. Die Firma ILS bietet alle nach der Grundschule folgenden Schulabschlüsse ebenfalls als Fernkurse an.

Jeder muss für sich und sein Kind selbst bewerten, ob diese Art der Bildung eine realistische Möglichkeit darstellt oder nicht. Fernunterricht verlangt viel Disziplin, eine enorme Frustrationstoleranz auf beiden Seiten und nicht zuletzt einen recht dicken Geldbeutel. Ein Jahr Grundschule an der Deutschen Fernschule schlägt inklusive Lehrmaterialien gern mal mit ca. 4500,-€ zu Buche. Auch die ILS-Kurse sind eher teuer. Wichtig für die Zukunft eures Kindes ist, dass die Abschlüsse anerkannt werden, denn darauf basiert dessen Zukunft. Da dies nur bei wenigen Anbietern der Fall und somit die Konkurrenz klein ist, können hohe Preise abverlangt werden.

World Schooling als neues Konzept

Ein vom Homeschooling völlig abweichendes Konzept, was wohl relativ neu ist und zumindest für meinen Geschmack ein bisschen hippie-mäßig wirkt ist das sogenannte World Schooling oder auch Road-Schooling. Grundsätzlich findet World-Schooling ohne jede Form von Schule an jedem Tag des kleinen Digitalnomadenlebens statt. Das Lernen geschieht unmittelbar durch das tagtäglich Erlebte. Tatsächliches Wissen stellt dabei nur einen kleinen Teil des Erlernten dar, der Fokus liegt eher auf der Persönlichkeitsentwicklung, der Idee eines globalen Bewusstseins und Achtsamkeit sowie Kommunikationsfähigkeiten und Sprachvertiefung.

Ergänzt werden kann das Ganze dann mit Lerneinheiten zu Mathematik, Deutsch, logischem Denken, kreativem Schreiben, etc., die sich jeder online besorgen kann. Eltern erzählen in Erfahrungsberichten davon, dass sie basierend auf den Orten, an denen sie sich gerade befinden einen täglichen „Stundenplan“ zusammenstellen, anhand dessen sie ihrem Kind das Wissen dieses Ortes vermitteln. Während dies natürlich für den Digitalnomaden ein absoluter Traum der Ortsunabhängigkeit sein kann, so erfordert diese Art der „Schule“ eine ungeheure Disziplin seitens der Lehrenden (im Regelfall der Eltern), die neben ihren normalen Nomadenjobs Lehrmaterial sichten und Informationen aufbereiten und vermitteln müssen. Gleichzeitig müssen sie dafür sorgen, dass Skills wie Mathematik und Deutsch (Englisch), die man ja nun einmal im Leben braucht, nicht zu kurz kommen.

Wenn man es hier schafft, zeitlich Job, Lehrvorbereitung und Familie unter einen Hut zu bekommen, so kann das denke ich ein ziemlich cooles Konzept sein, was nicht nur ein unglaubliches Allgemeinwissen vermitteln kann, sondern eine Möglichkeit der Persönlichkeitsentwicklung bietet, von der Kinder im festen Schulsystem Deutschlands nur träumen können.

Unschooling – Radikal oder Lebenslernkonzept?

Eine deutlich radikalere Methode als das World-Schooling ist das sogenannte Unschooling. So wild und disziplinlos wie der Name verspricht, ist diese Methode nicht, jedoch weicht sie trotzdem krass von unserem traditionellen Lernverständnis ab.

Beim Unschooling gibt es auch einen Lehrplan, aber dieser wird dem Kind nicht vorgesetzt und mit ihm umgesetzt, sondern das Kind gibt den Lehrplan vor. Unschooling ist ein Lebenslernkonzept, welches auf die natürlich Neugier von Kindern setzt. Man geht dabei davon aus, dass Kinder lesen und schreiben lernen können, sobald es sie interessiert, z. B. weil Mama und Papa lesen und schreiben.

Diese Methode schreibt dem Kind eine enorme Verantwortung zu, da es über seinen Tagesablauf komplett selbst entscheidet. Dies geht so weit, dass das Kind eigenständig entscheiden darf, ob und wie lange es Fernsehen schaut. Wichtig ist, dem Kind bei Interesse dann all das Wissen bieten zu können, nach dem es dürstet und zwar zu dem Zeitpunkt, an dem es danach fragt.

Unser Fazit zum Thema Digitales Nomadentum mit Kindern

In der Realität würden es die meisten wahrscheinlich mit einem Mix aus den drei beschriebenen Modellen versuchen. Allen dreien gemeinsam ist ein enormes Maß an Disziplin, was seitens der Lehrenden gefordert ist und noch eine viel größere Portion Vertrauen, die man in die Lernfähigkeit seines Kindes haben muss. Denn letztendlich lebt man nur ohne schlaflose Nächte, wenn man sich nicht ständig selbst hinterfragt und Sorgen hat, dass sein Kind nicht auf dem gleichen Stand ist wie eine Schulklasse nach einer bestimmten Anzahl von Schuljahren. An einigen Punkten wird man jedoch nicht darum herumkommen, sich zu fragen, wie sehr man sein Kind für eine „traditionelle“ Zukunft, also eventuell zurück zur Schule, dann Ausbildung/Studium und danach Einstieg ins Berufsleben vorbereiten will. Kann ein Kind, welches jahrelang selbstbestimmt gelernt hat, in einem gezwungenen und engen Rahmen des staatlichen Lernsystems überhaupt glücklich und am besten auch noch erfolgreich sein? Diese Frage lässt sich wohl für jeden nur anhand der eigenen Erfahrung beantworten.

Im Übrigen noch eine kurze rechtliche Anmerkung: Wenn ihr in Deutschland gemeldet bleibt und weiterhin Kindergeld bezieht, dürft ihr euer Kind nicht einfach aus der Schule nehmen. Es besteht Schulpflicht in Deutschland und dieser sieht Vater Staat nur in einer öffentlichen oder aber von ihm anerkannten privaten Schule mit dem Lehrplan des jeweiligen Bundeslands erfüllt.

Falls ihr selbst Digitalnomaden mit Kindern seid oder aber welche werden wollt und euch Gedanken zu Möglichkeiten mit Kindern macht, lasst es uns gern wissen! Gern würden wir euch hier auf dem Blog vorstellen und uns ein wenig mit euch über eure Erfahrungen und Gedanken zum Thema Digitales Nomadentum mit Kindern unterhalten!

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